Handlungsempfehlung für den Geschichtsunterricht der JSA Berlin

Gangway e.V. und iuvenes e.V.  arbeiten zurzeit an der der Erstellung einer Handlungsempfehlung für den Geschichts- und Politikunterricht im Jugendstrafvollzug.

Lehrer und Pädagogen, die in Vollzugsanstalten arbeiten, sehen sich ganz besonderen Herausforderungen gegenüber. Sie sollen junge Menschen mit schwierigen Backgrounds, häufig mit Drogenerfahrungen und aus schwierigen Sozialumfeldern, kontinuierlich unterrichten – und im Optimalfall zu Abschlüssen führen.

Unterricht im Vollzug bedeutet Arbeit mit einer regelmäßig unmotivierten Zielgruppe, deren schulische Laufbahn häufig Brüchen unterlegen war, fast die Hälfte hat (trotz Erreichen der Altersgrenze) keinen regulären Schulabschluss erreicht, weitere 40 % nur den Hauptschulabschluss.* In der interessanten Erhebung von Susann Reinheckel (2013) ergibt sich allerdings, dass nur ein geringer Teil (nämlich 27 % der Insassen) aus einem geringqualifizierten Elternhaus stammen, der Rest aus einem Umfeld mit Normalqualifikation. Reinheckel hat die Gründe für das schulische Scheitern junger Strafgefangener u. a. qualitativ bei diversen Schulleitern von Jugendstrafanstalten erfragt. So hat ein befragter Pädagoge hier das schöne Bonmot formuliert: „Sixpacks waren attraktiver als Lehrer.“

Ein weiteres Problem im Unterricht stellen verhältnismäßig kurze Haftzeiten dar. Oft verlassen junge Gefangene nach wenigen Monaten den Vollzug wieder und können Förder- und Schulmaßnahmen nicht regulär beenden. Gleichzeitig unterliegen die Lerngruppen einer starken Fluktuation und entsprechend einer steten Unruhe. Jede Art von Bildungsmaßnahme im Strafvollzug muss sich auf diese Bedingungen einstellen. So sind modulare Angebote, die keinen straffen Curricula folgen, regelmäßig erfolgreicher.

Dies macht es vor allem für den Geschichtsunterricht schwierig, Angebote zu entwickeln, die die Zielgruppe auch erreichen, immerhin verläuft Geschichte „chronologisch“ und sollte im Idealfall in längeren Unterrichtsetappen behandelt werden.

Im regulären Jugendvollzug liegt der Anteil der Insassen mit Migrationshintergrund vergleichsweise hoch. Wir sehen hier eine recht heterogene Zusammensetzung der Schulgruppen und auch – nachvollziehbar – ein recht schwankendes Interesse an deutscher/europäischer Geschichte und Politik.

Um geeignetes didaktisches Material für den Geschichts- und Politikunterricht zu entwickeln, führen Gangway e.V. und iuvenes e.V. zunächst Befragungen in der Jugendstrafanstalt Berlin durch und fassen ihre Erfahrungen und Vorschläge dann in einem strukturierten Leitfaden zusammen.

 

* Reinheckel, S. (2013): Geringqualifikation bei männlichen Strafgefangenen im geschlossenen Jugendstrafvollzug der Bundesrepublik Deutschland: eine empirische Untersuchung, Berlin.